🥟 Rezept-Sammlung · seit 1763

Russlanddeutsche Küche

Russlanddeutsche Küche entsteht aus einer doppelten Migration: erst die Auswanderung deutscher Siedler nach Russland ab 1763, dann die Rückkehr ihrer Nachfahren nach Deutschland — allen voran in den 1990er Jahren, der größten Einwanderungswelle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Diese 104 Rezepte tragen deutsches Erbe und über 200 Jahre russische, ukrainische und zentralasiatische Einflüsse gleichzeitig in sich.

Gedeckter Holztisch mit Borschtsch, Pelmeni, Pirogi und Roggenbrot
Inhaltsverzeichnis
01 · Geschichte

Wie russlanddeutsche küche nach Deutschland kam

Die Geschichte der Russlanddeutschen beginnt 1763: Zarin Katharina II., selbst eine gebürtige deutsche Prinzessin von Anhalt-Zerbst, erlässt ein Manifest und lädt europäische Siedler ein, unbesiedeltes Land entlang der Wolga zu bewirtschaften — mit Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst als Anreiz. Tausende deutsche Familien, vor allem aus Hessen, der Pfalz und Bayern, machen sich auf den Weg und gründen über 100 Kolonien wie Katharinenstadt oder Balzer — die Wolgadeutschen. Wenig später entstehen am Schwarzen Meer weitere Siedlungen, die Schwarzmeerdeutschen.

Über ein Jahrhundert lang bewahren diese Gemeinden ihre deutsche Sprache, ihre Dialekte und ihren Glauben — überwiegend evangelisch-lutherisch, daneben katholisch und mennonitisch — weitgehend isoliert von der russischen Mehrheitsgesellschaft, aber zunehmend geprägt von deren Küche. Nach der Oktoberrevolution 1917 und der Zwangskollektivierung Ende der 1920er Jahre trifft die politische Umwälzung die deutschen Bauerngemeinden besonders hart.

Den größten Bruch bringt der 28. August 1941: Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ordnet Stalin die Deportation aller Wolgadeutschen unter pauschalem Kollaborationsverdacht nach Sibirien und Kasachstan an. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen wird aufgelöst, Zehntausende sterben in Zwangsarbeitslagern der sogenannten Trudarmija. Erst 1955, nach Konrad Adenauers Moskau-Besuch, lockern sich die Bedingungen für Deutschstämmige in der Sowjetunion langsam.

1763
Manifest Katharinas II. — Beginn der deutschen Ansiedlung an der Wolga.
ab 1789
Weitere Siedlungswelle ans Schwarze Meer im heutigen Süden der Ukraine — die Schwarzmeerdeutschen.
1917–1920er
Oktoberrevolution und Zwangskollektivierung treffen die deutschen Bauerngemeinden hart.
28.08.1941
Stalin ordnet die Deportation aller Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan an. Die Wolgadeutsche ASSR wird aufgelöst, Zehntausende sterben in Zwangsarbeitslagern (Trudarmija).
bis 1955
Sonderkommandantur, Ausreise praktisch unmöglich, anhaltende Diskriminierung als vermeintliche Kollaborateure.
1955
Konrad Adenauers Moskau-Besuch erwirkt erste Lockerungen für Deutschstämmige in der Sowjetunion.
1988–2000er
Nach Perestroika und dem Zerfall der UdSSR reisen rund 2,3 Mio. Spätaussiedler auf Basis von Art. 116 GG nach Deutschland ein — die größte Einwanderungswelle der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Historische Karte der Wanderungsbewegungen: Deutschland zum Wolgagebiet 1763, Deportation nach Sibirien/Kasachstan 1941, Rückkehr nach Deutschland in den 1990ern
Erfahrung erster Generation
„Wir waren in Russland die Deutschen — und in Deutschland waren wir plötzlich die Russen." — sinngemäß häufig zitierte Erfahrung von Spätaussiedlern der ersten Generation.
02 · Essen & Geschichte

Eine Küche mit doppeltem Erbe

Als die Spätaussiedler ab den späten 1980ern nach Deutschland kamen, brachten sie eine Küche mit, die auf den ersten Blick verwirrend zweigeteilt wirkt — und genau darin liegt ihre Geschichte. Deutsche Grundrezepte hatten über zwei Jahrhunderte in den isolierten Wolga- und Schwarzmeerkolonien in eigener Form weitergelebt: Kartoffelsalate, deftige Eintöpfe, Sauerteigbrote — oft mit Namen und Zubereitungsarten, die im heutigen Deutschland längst in Vergessenheit geraten waren.

Gleichzeitig hatten sich diese Familien über 200 Jahre mit der russischen, ukrainischen und zentralasiatischen Küche vermischt, mit der sie zusammenlebten. Borschtsch, Pelmeni und Plov gehörten ebenso selbstverständlich zum Speiseplan wie Piroggen — die wiederum selbst eine deutsch-russische Mischform sind, entstanden aus deutschen Teigtaschen-Traditionen und russischen Fülltechniken. Keine der beiden Küchen wurde einfach übernommen; sie verschmolzen über Generationen zu etwas Eigenem.

Diese doppelte Herkunft macht russlanddeutsche Küche schwer in eine einzige Schublade zu stecken — sie ist weder rein deutsch noch rein osteuropäisch, sondern das kulinarische Ergebnis von 250 Jahren geteilter, oft schmerzhafter, aber auch reicher Geschichte zwischen zwei Welten.

03 · Herkunftsregionen

Nicht die eine Küche

Nach der Deportation 1941 verteilten sich die Wolga- und Schwarzmeerdeutschen über weite Teile der Sowjetunion. Entsprechend kamen die Spätaussiedler der 1990er Jahre aus ganz unterschiedlichen Regionen — mit jeweils eigenen kulinarischen Einflüssen.

🍚 Kasachstan
Größte Herkunftsgruppe der Spätaussiedler — zentralasiatische Einflüsse wie Plov und Manti.
❄️ Russland (Sibirien)
Deftige Wintergerichte, viel Kohl, Piroggen und würzige Soljanka.
🍲 Ukraine
Borschtsch und Wareniki — ukrainisch-deutsche Rezeptmischungen.
🏔️ Kirgisistan
Kleinere, aber prägende Gemeinschaft mit ausgeprägt zentralasiatischer Küche.
04 · Feste & Bräuche

Erndte-Fescht und Weihnachten

Viele russlanddeutsche Gemeinden und Vereine pflegen bis heute eigene Traditionen, die deutsche und osteuropäische Elemente verbinden — etwa das „Erndte-Fescht“ (Erntedank in kolonie-deutschem Dialekt) oder Weihnachtsbräuche, die sich über Generationen in der Isolation der Wolga- und Schwarzmeerkolonien eigenständig weiterentwickelt haben, bevor sie durch die Migration wieder auf die deutsche Alltagskultur trafen.

Typisch für diese Feste ist ein Tisch, der beide Herkunftslinien gleichzeitig zeigt: deutsches Weihnachtsgebäck neben Medovik-Honigkuchen, Kartoffelsalat neben Wareniki. Für viele Familien war und ist gerade das gemeinsame gemeinschaftliche Kochen an diesen Feiertagen einer der wenigen Orte, an denen die eigene, oft wenig bekannte Geschichte über Generationen hinweg weitergegeben wird.

05 · Im Alltag heute
Angeschnittener Honigkuchen Medovik neben Tee in Podstakannik-Gläsern und Pryaniki-Gebäck

Zwischen zwei Identitäten

Kaum eine Einwanderungsgruppe in Deutschland trägt eine so paradoxe doppelte Fremdheit in sich: In der Sowjetunion galten Wolga- und Schwarzmeerdeutsche über Generationen als „die Deutschen“ — trotz deutscher Pässe wurden sie in Deutschland nach ihrer Ankunft aber oft als „die Russen“ wahrgenommen, weil viele der jüngeren Generation vor allem Russisch sprachen und mit sowjetisch geprägten Alltagsgewohnheiten aufgewachsen waren.

Diese doppelte Zugehörigkeit spiegelt sich bis heute im Essen: Familien, die seit über 30 Jahren in Deutschland leben, kochen selbstverständlich Rouladen und Borschtsch am selben Wochenende, feiern Weihnachten nach deutschem und teils nach julianischem Kalender parallel und geben Rezepte in einer Mischsprache aus Deutsch und Russisch weiter. Gerade weil diese Geschichte in der deutschen Öffentlichkeit lange wenig bekannt war, ist die Küche für viele Nachfahren heute ein zentraler, oft der emotionalste Zugang zur eigenen Familiengeschichte.

06 · Alle Rezepte

104 Rezepte aus unserer Datenbank

Alle 104 Rezepte dieser Sammlung direkt aus unserer Datenbank — von Borschtsch über Pelmeni bis Medovik.

Adschika

Adschika

Scharfe Tomaten-Paprika-Sauce aus dem Kaukasus — mit Chili, Knoblauch und Koriander, roh oder gekocht. Der unangefochtene Liebling der russischsprachigen Küche.

20 Min Einfach Vegan
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Adschika trocken/georgisch

Adschika trocken/georgisch

Authentische georgische Gewürzpaste ohne Tomaten — aus Paprika, Chili, Knoblauch und Koriander. Höllisch scharf, aromatisch und ein unverzichtbarer Vorrat in der russischen Küche.

15 Min Einfach Vegan
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Auberginen-Kaviar (Baklashanny Kaviar)

Auberginen-Kaviar (Baklashanny Kaviar)

Ein cremiger, rauchiger Brotaufstrich aus gebackenen Auberginen, Paprika, Zwiebeln und Tomaten — in Russland als Baklashanny Kaviar bekannt. Kein echter Kaviar, sondern eine sättigende Vorspeise mit mediterranem Einschlag, die zu Roggenbrot oder Pellkartoffeln serviert wird.

20 Min Einfach Vegan
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Baklaschannaja Ikra

Baklaschannaja Ikra

Russisch gewürzter Auberginen-Aufstrich mit Paprika, Tomaten und Knoblauch — rauchig-intensiv, perfekt als Brotbelag oder Beilage zu Schaschlik.

15 Min Einfach Vegan
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Bef Stroganow

Bef Stroganow

Russisches Original-Stroganoff mit zarten Rindfleischstreifen in einer sämigen Champignon-Sahne-Sauce — ein weltberühmter Klassiker der russischen Küche.

15 Min Mittel
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Blini

Blini

Dünne Buchweizen-Pfannkuchen nach russischer Art — luftig, leicht säuerlich und die ikonische Speise der Masleniza-Woche. Serviert mit Smetana, Kaviar oder Marmelade.

15 Min Mittel Vegetarisch
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Blini (russische Buchweizen-Pfannkuchen)

Blini (russische Buchweizen-Pfannkuchen)

Dünne, goldbraune Pfannkuchen aus Buchweizen- und Weizenmehl — das Herz der russischen Küche. In Russland werden Blini das ganze Jahr über gegessen, besonders aber zur Masleniza (Pfannkuchenwoche). Serviert mit Smetana, Kaviar, Lachs oder Honig. Jeder Haushalt hat sein eigenes Blini-Rezept.

15 Min Mittel
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Borodinskij (russisches Roggenbrot)

Borodinskij (russisches Roggenbrot)

Ein dunkles, würziges Roggen-Sauerteigbrot aus Russland — mit Koriander und Kümmel gewürzt, leicht süßlich durch Melasse oder Malz. Borodinskij ist das bekannteste russische Brot und wird traditionell zu Suppen, Salo und eingelegten Gurken serviert. Die dicke, kräftige Kruste und das saftige Innere machen es unverwechselbar.

30 Min Profi
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8 von 104 Rezepten

07 · FAQ

Häufige Fragen zu Russlanddeutsche Küche

Ihre Vorfahren wanderten ab 1763 als deutsche Siedler nach Russland aus und lebten dort über 200 Jahre als eigenständige, deutschsprachige Minderheit. Nach ihrer Ausreise nach Deutschland ab den 1990er Jahren galten sie kulturell oft als „die Russen“ — daher der Begriff Russlanddeutsche für diese doppelte Identität.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ließ Stalin am 28. August 1941 alle Wolgadeutschen unter pauschalem Kollaborationsverdacht nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen wurde aufgelöst, viele mussten in Zwangsarbeitslagern (Trudarmija) arbeiten.
Beides sind gefüllte Teigtaschen. Pelmeni sind klassisch mit Hackfleisch gefüllt und werden gekocht serviert, oft mit Sauerrahm. Wareniki (ukrainischer Ursprung) sind meist größer und werden häufiger mit Kartoffeln, Quark oder süß mit Kirschen gefüllt.
Seit Ende der 1980er Jahre kamen rund 2,3 Millionen Spätaussiedler nach Deutschland, hauptsächlich aus Kasachstan, Russland, Kirgisistan und der Ukraine — eine der größten Einwanderungsgruppen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Borschtsch gilt als ukrainischer Ursprungs (2022 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Ukraine anerkannt), wird aber seit Generationen auch in russlanddeutschen, russischen und weiteren osteuropäischen Küchen in eigenen Varianten zubereitet.
In der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen selbst lebten rund 366.000 Menschen. Zählt man die deutschen Bevölkerungsgruppen der umliegenden Gebiete (Saratow, Stalingrad, Kuibyschew, Astrachan) dazu, wurden bis Ende 1941 insgesamt rund 439.000 Wolgadeutsche nach Sibirien und Kasachstan deportiert.
Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche bezeichnen die Nachfahren der Siedler von 1763 bzw. ab 1789, benannt nach ihrer jeweiligen Ansiedlungsregion. Spätaussiedler ist der rechtliche Begriff (Art. 116 GG) für alle deutschstämmigen Einwanderer, die ab Ende der 1980er aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen — unabhängig davon, ob ihre Vorfahren an der Wolga, am Schwarzen Meer oder anderswo siedelten. „Russlanddeutsche” ist der umgangssprachliche Oberbegriff für diese gesamte Gruppe und ihre Nachkommen, unabhängig vom rechtlichen Status.

Quellen: BAMF — Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, UNESCO — Culture of Ukrainian borscht cooking, Wolgadeutsche ASSR — ome-lexikon.uni-oldenburg.de

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